Blindflansch richtig dimensionieren: PN-Stufe nach EN 1092-1 und Dickennachweis im Umfeld der EN 13445
Ein Blindflansch sieht einfach aus: eine runde Platte mit Lochkreis. Trotzdem entscheiden bei seiner Auslegung gleich mehrere Nachweise über die Dicke – und nicht immer der, den man erwartet. Dieser Beitrag geht den Weg vom Betriebsdruck bis zur empfohlenen Plattendicke Schritt für Schritt durch.
:::info Werkzeug Der Blindflansch-Rechner führt alle Schritte dieses Beitrags aus und läuft vollständig im Browser. :::
1. Die PN-Stufe nach EN 1092-1
EN 1092-1 legt die Anschlussmaße von Stahlflanschen fest. Der Blindflansch ist dort der Flanschtyp 05. Für jede Kombination aus Nennweite (DN) und Druckstufe (PN) sind unter anderem festgelegt:
- Flanschaußendurchmesser D
- Lochkreisdurchmesser K
- Anzahl und Größe der Schrauben
Die genormten Druckstufen sind PN 2,5 – 6 – 10 – 16 – 25 – 40 – 63 – 100 – 160 – 250 – 320 – 400. Der Rechner beginnt bei PN 10 und wählt die nächsthöhere Stufe, die den Betriebsdruck abdeckt – sofern sie für die gewählte Nennweite genormt ist:
| Betriebsdruck | Gewählte Stufe |
|---|---|
| 10 bar | PN 10 |
| 12 bar | PN 16 |
| 40 bar | PN 40 |
| 41 bar | PN 63 |
:::caution PN ist kein zulässiger Druck Die PN-Stufe ist eine Kennzahl für die Anschlussmaße. Welcher Druck bei welcher Temperatur tatsächlich zulässig ist, hängt vom Werkstoff ab und ist in EN 1092-1 über Druck-Temperatur-Zuordnungen geregelt. Bei erhöhter Temperatur kann ein PN-16-Flansch deutlich weniger als 16 bar aufnehmen. :::
2. Zulässige Spannungen
Für nichtaustenitische Stähle ergibt sich die Nennberechnungsspannung nach EN 13445-3 aus dem kleineren Wert von Streckgrenze und Zugfestigkeit, jeweils mit Sicherheitsbeiwert:
f = min( R_p0,2/T / 1,5 ; R_m/20 / 2,4 )
f_test = R_p0,2/T_test / 1,05
Der Rechner verwendet vereinfachend den streckgrenzenbasierten Anteil
(R_p0,2/T / 1,5 im Betrieb, R_p0,2 / 1,05 bei der Prüfung). Bei Werkstoffen,
deren Zugfestigkeit im Verhältnis zur Streckgrenze niedrig ist, sollte das
Zugfestigkeitskriterium von Hand gegengeprüft werden.
3. Welcher Nachweis bestimmt die Dicke?
Die erforderliche Dicke ist das Maximum aus vier Kriterien:
| Kriterium | Idee | Lastfall |
|---|---|---|
| Festigkeit (Betrieb) | Biegemoment aus Druckkraft × Hebelarm zum Lochkreis | Betriebsdruck, f |
| Festigkeit (Prüfung) | dasselbe Moment unter Prüfdruck | Prüfdruck, f_test |
| Plastizität | Biegespannung der Kreisplatte bleibt unter der Streckgrenze | Prüfdruck |
| Steifigkeit | Durchbiegung in Plattenmitte ≤ 1 mm | Betriebsdruck |
Zur ermittelten Mindestdicke wird der Korrosionszuschlag addiert und auf die nächste handelsübliche Blechdicke aufgerundet.
Das Steifigkeitskriterium wird oft unterschätzt: Eine Platte kann fest genug sein und sich trotzdem so stark durchbiegen, dass die Dichtung am Innenrand entlastet wird und undicht wird.
Rechenbeispiel: Kreisplatte unter Innendruck
Die Plattenformeln stammen aus der klassischen Plattentheorie (frei aufliegende
Kreisplatte unter Flächenlast). Eingaben: Druck p = 1,6 MPa (16 bar),
wirksamer Radius R = 125 mm, Dicke t = 20 mm, E = 200 000 MPa, ν = 0,3.
Maximale Biegespannung in Plattenmitte:
σ = 3 · p · R² · (3 + ν) / (8 · t²)
= 3 · 1,6 · 125² · 3,3 / (8 · 20²) = 77,34 MPa
Durchbiegung in Plattenmitte, mit der Plattensteifigkeit
D = E · t³ / (12 · (1 − ν²)):
w = (5 + ν) · p · R⁴ / (64 · D · (1 + ν)) = 0,170 mm
Beide Werte sind Teil der automatisierten Tests des Rechners und auf der Dokumentationsseite als Validierungsfall veröffentlicht.
4. Schrauben und Dichtung
Bei niedrigem Druck und großer Nennweite bestimmt oft nicht der Betriebsdruck die
Schraubenkräfte, sondern das Vorverformen der Dichtung – also die Last, die
schon vor jedem Druckaufbau aufgebracht werden muss. Nach dem klassischen
Dichtungsmodell mit den Kennwerten m und y:
W_m1 = π · G · b · y
mit dem wirksamen Dichtungsdurchmesser G, der wirksamen Dichtungsbreite b und
dem Dichtungskennwert y. Für G = 250 mm, b = 12 mm und y = 11 MPa
(Graphit):
W_m1 = π · 250 · 12 · 11 ≈ 103 673 N
Der Rechner vergleicht den vorhandenen Schraubenquerschnitt (Anzahl × Spannungsquerschnitt) mit dem größten Bedarf aus Vorverformung, Betrieb und Prüfung und nennt den maßgebenden Lastfall.
Prüfdruck
Für die Druckprüfung nach EN 13445-5 gilt als Mindestwert
P_t = max( 1,25 · P_d · f_a / f_T ; 1,43 · PS )
mit der Nennberechnungsspannung bei Prüftemperatur f_a und bei
Berechnungstemperatur f_T. Tragen Sie den Prüfdruck aus Ihrer
Behälterspezifikation im Rechner ein, wenn er vorliegt – er hat Vorrang vor dem
automatisch ermittelten Wert.
Häufige Fehler
- PN-Stufe mit zulässigem Druck gleichgesetzt – bei hoher Temperatur ein echtes Sicherheitsrisiko.
- Korrosionszuschlag vergessen, oder nur auf einer Seite berücksichtigt.
- Nur den Betriebsfall geprüft. Prüfdruck und Dichtungsvorverformung bestimmen häufig die Auslegung.
- Standarddicke abgerundet statt aufgerundet.
Begriffe Deutsch – Englisch
| Deutsch | Englisch |
|---|---|
| Blindflansch | blind flange |
| Nennweite / Druckstufe | nominal size (DN) / pressure class (PN) |
| Lochkreisdurchmesser | bolt circle diameter |
| Nennberechnungsspannung | nominal design stress |
| Dichtungsvorverformung | gasket seating |
| Korrosionszuschlag | corrosion allowance |
| Prüfdruck | test pressure |
:::caution Hinweis Der Rechner dient der Vorauslegung und bildet EN 13445-3 nicht vollständig ab. Maßgebend sind die aktuellen Ausgaben von EN 1092-1 und EN 13445 sowie die Projektspezifikation. Die Freigabe erfolgt durch eine qualifizierte Fachkraft. :::
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